Maxi-Race in Annecy Trail

Himmel und Hölle: die Ultra-Distanz des Maxi-Race in Annecy

Es ist 13.15 Uhr. Kilometer 73, kurz hinter der vorletzten Verpflegungsstation. Seit 11:45 Stunden laufe ich durch die Berge der südfranzösischen Alpen, 4400 Höhenmeter sind geschafft. Das bin ich auch: geschafft! Völlig fertig. Jetzt aber geht das Ultra-Maxi-Race erst richtig los. Es wird noch zehn lange Stunden dauern, bis ich endlich im Ziel bin. Was zu diesem Zeitpunkt jedoch alles andere als selbstverständlich ist.

Totale Erschöpfung und grenzenloser Enthusiasmus – ich habe eine Woche hinter mir, in der ich beides erlebt habe. Und an deren Ende ich nicht wirklich weiß, was ich schöner finden soll.

Die Teilnahme an der Salomon Ultra Running Academy im südfranzösischen Annecy war ein überragendes Erlebnis mit einer Gruppe von Menschen, die dieselbe Leidenschaft teilen. Darunter einige, die diese bereits weit vor meiner Zeit entdeckt haben. Andere, die ganz oben mitlaufen. Wirklich oben. Dann wieder welche, die auf dem Weg dorthin sind. Und ich mittendrin. In meiner Altersklasse nicht übel, aber eben auch der Opa der Truppe.

Die Teilnehmer der Salomon Ultra Running Academy 2017 mit den Coaches Ida Nilsson, Max King und Gregory Vollet. Foto: Martina Valmassoi

Schon am ersten Tag stellt Huub van Norden erst einmal fest, dass ich alterstechnisch sein Vater sein könnte. Huub ist Holländer und hat allein schon deswegen einen Sympathiebonus bei mir, weil er genauso gut drauf ist wie Freunde von mir aus dem benachbarten Flachland. Davon abgesehen ist er ein toller Läufer, der im Wesentlichen, heimattechnisch bedingt, nur flach trainiert. Die Berge jagt er trotzdem hoch wie eine Ziege auf Speed. Völlig irre, der Kerl.

Schotten, Griechen, Engländer, Portugiesen, Italiener, Spanier, Franzosen, Deutsche – und mit dem Ultrarunnergirl Stephanie Case ist sogar eine Kanadierin am Start. Die härteste Frau, die ich im Laufzirkus bisher kennenlernen durfte – am Ende wird sie den 5. Platz im Ultra-Maxi-Race von Annecy erreichen. Nicht übel dafür, dass sie kurz zuvor den Madeira Ultra Trail und den Transvulcania erfolgreich absolviert hat. Und ich sie bei km46 völlig aufgelöst treffe (bevor sie mir wieder davonläuft), weil sie trotz einer Knieverletzung angetreten ist und vor lauter Schmerzen kaum mehr vorankommt. Vernünftig? Finde ich das natürlich nicht. Auch nicht vorbildlich. Aber das muss jeder für sich entscheiden. In jedem Fall hat die Frau Eier, wie es ein gewisser deutscher Torhüter mal formuliert hat. Unglaubliche Leistung.

„Das schwierigste Rennen meines Lebens“

Max King trainiert die Läufer der Akademie. Ein unglaublich cooler Typ, allein der Name ist Programm. Max wird am Ende Platz 2 hinter dem überragenden Francois D’Haene belegen. In einem Wettkampf, den er selbst als das schwierigste Rennen bezeichnet, das er je gelaufen ist: „Wolltest du runter, musstest du hoch. Wenn du dachtest, es ginge hoch, schickten sie dich weiter bergab. Und wenn du nur noch 5 km zur nächsten Verpflegungsstation hattest, haben sie noch einmal 200-300 Höhenmeter dazwischen gedrückt. Sie haben es geschafft, 100 Meilen voller Schmerzen in 110 km zu bündeln. Ich weiß wirklich nicht, wie sie das gemacht haben.“

Ich weiß das auch nicht. Ich weiß nur, dass ich da ganz unten bei Kilometer 73 stehe und noch einmal bis ganz nach oben muss, hoch auf 1600 Meter. Das bedeutet einen Anstieg von fast 1200 Höhenmetern auf 13 Kilometern. Landschaftlich wird es das schönste Stück, das ich je gelaufen bin. Sportlich wird es das brutalste, das ich je gelaufen bin. Himmel und Hölle.

Um 1.30 Uhr sind wir gestartet, mitten in der Nacht. Ich habe nicht viel schlafen können, eine Stunde vielleicht. Ich bin aufgeregt. Endlich ist es soweit: Das Ultra-Maxi-Race ist der krönende Abschluss der Salomon Ultra Running Academy. Mir stecken einige Kilometer in den Knochen: Gleich am ersten Tag trainierten wir Uphill-Laufen, Powerhiking, Laufen mit Stöcken – auf 14 Kilometern mit 1200 Höhenmetern. Nicht gerade ein perfektes Tapering, würde ich meinen. Aber ich spüre keine Müdigkeit in den Knochen. Die Academy hat mich nur noch mehr darin bestärkt, dass dieses Laufen, diese Community etwas ist, wovon ich mehr haben möchte. Vom Straßenläufer zum Trailrunner.

Im Startblock an der Seite von Max King (links) und Francois D’Haene (rechts).

Ich stehe ganz vorne im Startblock, Seite an Seite mit einigen der stärksten Läufer der Welt. Mein Rucksack ist pickepackevoll mit Nüssen, Riegeln, Datteln, Feigen, Elektrolyttabletten. Weil es heiß werden soll, müssen wir Behältnisse für mindestens 1,5 Liter Wasser dabeihaben. Meine drei 0,5-Liter-Soft-Flasks sind von Beginn an randvoll. Ich will nicht den Fehler machen, zu wenig zu essen oder zu trinken. Rob und Michael, der Schotte und der Brite aus der Academy, machen Faxen am Start, Max King sowieso. Ein paar letzte Selfies, und dann geht’s los. Raus in die Nacht. Rock’n’roll!

Ich habe mich entschieden, die Stöcke zunächst einmal nicht einzusetzen. Ich fühle mich zu unsicher mit den Dingern und das Powerhiking liegt mir sowieso viel mehr. Vorsichtshalber aber habe ich sie im Dropbag bei km71 deponiert, ein guter Tipp von Philipp Reiter, der das Maxi Race vor einigen Jahren gewinnen konnte und für Salomon Fotos und Videos macht.

Nach zwei flachen Kilometern geht es dann erstmals rauf: Von 450 Metern hoch auf 1650 – innerhalb von 15 Kilometern. Ich erreiche Semnoz nach gut 2:30 Stunden und fühle mich klasse. Am Vortag waren wir dort oben, haben etwas trainiert und die grandiose Aussicht genossen. Von der kriege ich jetzt nichts mit, es ist noch dunkel und ich freue mich auf den ersten Downhill. Es wird der vorletzte sein, den ich weitestgehend laufen kann, aber das ahne ich jetzt noch nicht. Es geht bergab, es läuft. Und ich denke sogar daran, alle 10-15 Minuten einen Schluck zu trinken und alle halbe Stunde etwas zu essen.

Steigungen, die kein Ende nehmen

Dann wird es erstmals richtig brutal: es geht hoch zum Col de la Cochette auf 1300 Metern. Gern würde ich sagen, dass ich da hätte hochlaufen können, aber keine Chance. In einer Reihe stöhnen wir uns den steilen Berg hinauf. Mit den Händen auf den Oberschenkeln drücke ich mich Meter um Meter nach oben und mache immer wieder den Fehler, den Kopf zu heben und nach oben zu schauen. Mit der Morgensonne kommt gute Sicht und die bittere Erkenntnis, dass die Steigung kein Ende zu nehmen scheint. Immer weiter geht es, über Stock und Stein. Die Sonne geht auf, aber ich habe keine Augen für die beeindruckende Landschaft um mich herum. Ich versuche nur, nicht auszurutschen und irgendwie bis nach da oben zu kommen. Nach 4:38 Stunden ist es endlich soweit, 32 Kilometer und bisher 2150 Höhenmeter sind geschafft, ich bin auf Rang 73, wie mir ein Helfer mitteilt. Ich schnaufe tief durch, weiter geht’s.

Noch ein letztes Mal kann ich es bergab etwas laufen lassen, aber der Downhill bis nach Lieu dit les Maisons ist bereits ein Vorgeschmack auf das, was fortan auf dem Weg nach unten angesagt ist: es wird steil! Und es wird immer schwieriger, die Strecke auch laufen zu können. Ich brauche gut 20 Minuten für die drei Kilometer bergab mit einer Höhendifferenz von 600 Metern. Unten angekommen muss ich fast so tief durchschnaufen wie nach dem letzten Anstieg. Ich freue mich regelrecht auf den nächsten Berg. Zu diesem Zeitpunkt fühle ich mich hervorragend, aber ich weiß, was mir noch bevorsteht. Dazu reicht ein Blick auf die Startnummer, auf der das Höhenprofil abgebildet ist. Jetzt geht es zum höchsten Punkt der Strecke, Le Charbon auf 1675 Metern. In der Summe nicht ganz so steil wie der letzte Anstieg, aber mit fiesen Steilstücken, die es in sich haben.

Bei Cret du Char nach insgesamt 46 km gibt es einen Zwischenstopp an einer Versorgungsstation und ich traue meinen Augen nicht: Vor mir steht das Ultrarunnergirl! „Hey, Steph!“, rufe ich und freue mich, sie zu sehen – bis sie sich umdreht. Stephanie weint. Sie hat Schmerzen, erzählt sie, kann kaum weiterlaufen. Zwei Wochen zuvor war sie beim Transvulcania gestürzt und hat sich dabei ihre Knie verletzt. „Good job, Jens“, sagt sie. Und dass sie wohl bis zur großen Verpflegungsstation bei km71 weitermachen und dann aussteigen würde. Ich würde ihr am liebsten sagen, dass sie im Interesse ihrer Gesundheit schon jetzt aussteigen solle. Aber das wäre so ziemlich das Letzte, das ich selbst hören wollte. Mir fehlen die Worte. Ich drücke sie kurz, dann mache ich mich wieder auf den Weg. Es dauert nicht lange, bis es wieder richtig steil wird – und Stephanie mich überholt. Wie sie Meter für Meter davonzieht, habe ich Gelegenheit, aus der Distanz ihre Arbeit mit den Stöcken zu bewundern. Das ist der Moment, in dem ich mich entscheide, sie später aus dem Dropbag zu nehmen und ebenfalls einzusetzen.

Le Charbon erreiche ich nach 8:03 Stunden Laufzeit. 52 Kilometer und 3600 Höhenmeter sind geschafft. Mehr noch: fast die Hälfte des Rennens ist geschafft. Platz 68 ist die beste Platzierung, die ich erreiche. Eine schöne Momentaufnahme, nicht mehr. Hier und heute wird es nur ums Ankommen gehen.

Foto: maindruphoto.com

Die Temperaturen sind angenehm, wir sind viel im Wald unterwegs und die heiße Sonne erwartet uns erst noch. Vor allem aber erwartet mich ein schwieriger Downhill. Ich kann nicht mehr wirklich bergab laufen. Ohne die bisherige Strecke in den Beinen würde es wahrscheinlich gehen, aber gefühlt ist es einfach viel zu steil. Ich weiß, dass ich idealerweise auf dem Vorderfuß laufen sollte, federnd. Aber die Feder ist ausgeleiert… Wann immer es etwas flacher wird, wechsle ich mühsam vom Schritt in einen leichten Trab. 900 Meter Höhenunterschied auf sechs Kilometern, so langsam finde ich es schwieriger, bergab zu laufen als bergauf. Für diese kurze Strecke bis nach Combe d’Ire benötige ich rund 53 Minuten – dabei hatte ich gedacht, ich könnte auf den Downhills Zeit gutmachen und mich etwas erholen. Nicht wirklich.

Ich werde langsamer. Wieder geht es bergauf. Nur 4,7 km mit steilen 600 Höhenmetern, für die ich 1:13 Stunden benötige. Immer wieder tröste ich mich mit dem Gedanken daran, dass ich bald die große Verpflegungsstation erreichen werde und das Schlimmste dann geschafft sei, weil ich dann ja schließlich auch weit über die Hälfte des Rennes hinter mir habe. Jedenfalls glaube ich das, als ich da oben bei Replent Dessus stehe. Es ist 11:40 Uhr, ich bin 10:09 Stunden unterwegs und ich habe 62,5 km mit 4210 Höhenmetern hinter mir.

Wir werden wieder runter geschickt, von 1300 Metern Höhe hinab auf 515. Auf einer Strecke von 3,7 km. Für die ich 37 Minuten brauche! Eine kleine gemeine Steigung noch und dann geht es flach in Richtung Doussard, der großen Verpflegungsstation, wo mein Dropbag hinterlegt ist. Ich bin mittlerweile raus aus den schützenden Wäldern, die Sonne brennt, ich bin klatschnass geschwitzt und trinke, trinke, trinke. In dieser Phase des Rennens greife ich verstärkt auf Bananenchips und salzige Nüsse zurück, weil die auf die Schnelle einfach mehr Energie liefern und mein Magen genug hat von den klebrigen Datteln und Feigen und Obstriegeln, die ich bisher zu mir genommen habe. Obwohl ein Teil der Strecke flach durch ein kleines Dorf führt, kann ich gerade nicht wirklich an Laufen denken. Zeit für ein Facebook-Live-Video (das leider wegen schlechter Verbindung abgebrochen ist).

Ich erreiche Doussard, 72,6 km, nach 11:43 Stunden. 4400 Höhenmeter sind geschafft. Ich bin geschafft. Ziemlich erschöpft kann ich mich aber trotzdem über die vielen Zuschauer freuen, die dort die Läufer empfangen und anfeuern. Ich wechsle vom Schnellschritt in den Trab, das hier ist schließlich kein Spaziergang – im wahrsten Sinne des Wortes. In einer großen Turnhalle, in der es fast heißer ist als draußen, erwartet mich der Himmel auf Erden: Nudelsuppe und Chips, die ich in mich hineinstopfe. Keine Ahnung, wie viele verschwitzten Hände schon in die Schüssel mit den salzigen Leckereien gegriffen haben, ist mir auch egal. Ich futtere, was geht. Noch ein Teller Nudelsuppe, dann hole ich die Stöcke aus dem Dropbag, fülle wie immer meine Soft Flasks, packe Apfel-, Bananen- und Zitronenstücke in meinen Rucksack und weiter geht’s. Muss ja.

Klar denke ich daran, wie schön es wäre, jetzt aufzuhören. In den kühlen Lac d’Annecy zu springen, anstatt ihn weiter zu umrunden. Mir steht noch fast ein ganzer Marathon bevor mit 2600 Höhenmetern und ich habe ehrlich keine Ahnung, wie ich den schaffen soll. Ich weiß nur, dass ich es schaffen werde. Notfalls eben gehend – ich habe immerhin 30 Stunden Zeit! DNF, did not finish, ist keine Option. Allerdings weiß ich auch, dass es utopisch ist, eine Zeit um die 19 Stunden zu erreichen, von der ich ursprünglich geträumt habe. Da merkt man den naiven Trail-Rookie in mir – mit einer solchen Zeit wäre ich am Ende sagenhafter 38. geworden in diesem Feld voller Franzosen, die in diesen traumhaft schönen, fürchterlich schweren Bergen aufgewachsen sind. Immerhin trainiere ich Höhenmeter erst seit drei Monaten.

Auch die letzten Kilometer werden nicht einfacher…

Schrecksekunde: Voller Entsetzen stelle ich fest, dass ich meine Stirnlampe offenbar bei einem Sturz verloren habe. Die gehört zur Pflichtausrüstung und man kann aus dem Rennen genommen werden, wenn man keine Lampe dabei hat. Es ist 13:30 Uhr, ich poste eine Nachricht in die WhatsApp-Gruppe der Ultra Running Academy. Haltet euch fest, Caroline Chaverot antwortet mir, die spätere Gewinnerin bei den Frauen und Gesamtfünfte: „They don’t check if you arrive before the night.“ Optimistisch antworte ich: „Alright! Then I just keep going! Thanks.“ Und ergänze: „Please tell me that the last km will be easy…”. Immerhin ist sie ehrlich und antwortet kurz und knapp: “No, unfortunately.” Sie wird wenige Stunden später nach sagenhaften 15:09 Stunden Laufzeit das Ziel erreichen. Was ich nicht ahne: Mir stehen noch 10:08 Stunden Laufen bevor. Und natürlich schaffe ich es nicht, vor der Dunkelheit ins Ziel zu kommen.

Foto: maindruphoto.com

Jetzt habe ich die Stöcke dabei. Ich bilde mir ein, dass sie mir etwas helfen, aber eigentlich habe ich das Gefühl, ohne sie besser vorangekommen zu sein. Ich weiß nicht, warum ich da noch einmal hinauflaufen soll. Wieder hoch auf 1600 Meter. Ich weiß nicht, wie ich da noch einmal hinauflaufen soll. Irgendwie funktioniere ich nur noch. Ich muss mich setzen, immer wieder. Ich brauche Pausen. Dabei weiß ich genau, dass sie das Ganze nur noch schwerer machen. Immer wieder passieren wir kleine Gebirgsbächlein und ich möchte mich eigentlich nur noch hineinlegen und abkühlen. Ich denke an die Bergetappen der Tour de France und leide mit den Fahrern. Ich leide mit jedem, der da rauf muss. Ich bemitleide mich selbst etwas. Aber ich genieße es irgendwie auch.

Ich habe keine Krämpfe in den Beinen, wie es noch beim Bilstein Ultra der Fall war. Körperlich geht es mir gut, aber mir fehlt die letzte Kraft für diese Berge. Ich breche ein: Die 13 Kilometer bis zum Pas de L’Aulps sind eine wunderschön grausame Tortur. 1400 Höhenmeter mit grandiosen Aussichten, überall läuten Glocken, die um den Hals von Kühen hängen. Es könnte so idyllisch sein, wenn man nicht weitermüsste. Immer weiter. Ich brauche geschlagene 4 Stunden und 18 Minuten dafür. Es ist eine Karawane halbtoter Zombies, die da, einer nach dem anderen, immer einen Fuß vor den anderen setzt. Kaum einer spricht miteinander, alle sind viel zu kaputt. Als ich endlich oben bin, ist es halb sechs Uhr nachmittags. Ich traue meinen Ohren nicht, als ein Streckenposten meint, dass wir etwa gegen Mitternacht das Ziel erreichen würden. Es sind doch nur noch etwa 27 Kilometer! Was kommt da noch, zur Hölle?

Völlig fertig etwa bei km83.

Zunächst einmal ein brutal steiler Downhill über 5,7 Kilometer mit 830 Metern Höhendifferenz. Ich brauche 57 Minuten dafür. Danach geht es etwas ruhiger zur Sache und ich erreiche Menthon St. Bernard (99,3 km) nach fast 18 Stunden Laufzeit. 110 km lang soll der Kurs sein, es ist bald geschafft. Ich weiß, dass ich es schaffen werde. Ich weiß aber auch, dass jetzt erst der schwierigste Teil der Strecke folgt. Der letzte Anstieg zum Mont Baron ist brutal anstrengend. 900 Höhenmeter auf neun Kilometern. Ich brauche 2:35 Stunden dafür, und es wird dunkel. Als ich endlich oben bin, ist es 22 Uhr. Die Aussicht ist atemberaubend, allein dafür haben sich die ganzen Strapazen gelohnt! Ich stehe mit ein paar Läufern auf dem Gipfel und wir bewundern unter uns diesen wunderschönen, von Bergen eingeschlossenen See und die Lichter der Stadt, die wir so gern erreichen wollen. So nah und doch so fern.

Extrem-Bergwandern statt Ultralaufen

Wir sind spät dran. Weil es bereits dunkel ist, müssen wir aus Sicherheitsgründen einen anderen Downhill nehmen, der etwas weniger schwierig ist. Dafür etwas länger. Trotzdem: Es sind nur noch 5,6 Kilometer bis ins Ziel – und das verleiht Flügel! Zwar bin ich schlagkaputt, aber das ist ein besseres Gefühl als diese schiere Apathie, die mich mitunter angesichts so mancher der bereits bewältigten, völlig verrückten Bergaufpassagen befallen hat. Längst ist dieser Lauf kein Lauf mehr, sondern Extrem-Bergwandern. Ich sehne das Ziel herbei und presche etwas voran in der Gruppe von Läufern, in der ich mich befinde. Was soviel heißt wie Schritt- statt Schneckentempo. Weil ich keine Lampe habe, zücke ich das iPhone und schalte dessen Licht ein. So versuche ich, etwa einen Kilometer voran zu kommen, aber es hat keinen Zweck. Ich brauche eine richtige Lampe. Oder eine Gruppe, die mir den Weg leuchtet. Ständig befürchte ich, dass mich ein Streckenposten greift, so kurz vor dem Ziel, und aus dem Rennen nimmt. Das würden die doch nicht machen, oder?!? Nicht mehr jetzt, oder?!?

Zwei Starter des Maxi Race über 83 km kommen heran. Sie sind nicht schnell unterwegs, aber wer ist das schon noch? Die Zeit ist mir völlig egal. Ich will nur heil diesen letzten Berg herunterkommen. Beide haben grandiose Leuchten, die den ganzen Wald erhellen. Ich erkläre Ihnen mein Dilemma und sie nehmen mich in ihre Mitte. Als Trio bewältigen wir den letzten Downhill über fast 5 km mit 800 Metern Höhendifferenz in knapp 70 Minuten. Dann endlich sind wir am See. Soweit unten, wie wir es nur am Start waren, auf 447 Metern. Es ist nicht zu fassen, aber ich kann wieder richtig laufen: der letzte Kilometer ins Ziel ist wahrscheinlich der schnellste des gesamten Rennens. Ich kann eben nicht leugnen, dass ich von der Straße komme.

Foto: maindruphoto.com

Es ist Samstag, 23:20 Uhr. Nach 21:51:01 Stunden überquere ich die Ziellinie. 113,9 Kilometer, 6959 Höhenmeter. Ich habe das Monster bezwungen! 885 Läufer waren gemeldet für diese erste Ultra-Version des Maxi Race in Annecy, dem Venedig der Alpen mit dem wohl schönsten See Frankreichs. Das Ziel erreichen 478 Läufer. Unter den Finishern belege ich Rang 109, in meiner Altersklasse der 40-49-Jährigen werde ich 38. – womit ich hochzufrieden bin. Mehr als das: Ich bin glücklich. Dieses Rennen gefinished zu haben ist einer der schönsten Momente meines Lebens. Weil ich meine Grenzen überschritten habe. Beziehungsweise sie neu gesteckt habe. Wir können so viel mehr leisten, als wir denken. Vielleicht denken wir zu oft zu viel. Mit einer Woche Abstand möchte ich wieder zurück dorthin. Zurück zu diesem Gefühl der totalen Erschöpfung und der Überwindung dieses Gefühls. Liebe ist nie ohne Schmerz, sagt man. Dieses Ultra Maxi Race ist eine wunderschöne Liebeserklärung an das Abenteuer Trailrunning. Danke, Salomon, dass ich dabei sein durfte!

„After climbing a great hill, one only finds that there are many more hills to climb.”
Nelson Mandela

P.S.: Nur der Statistik halber: Ich bin bester Deutscher… 😉

über

(* 1973). Ich lebe seit Ostern 2012 vegan. Seit 2013 laufe ich nun Marathon. Zeit, etwas Neues zu probieren: Nachdem ich 2016 meinen ersten 100-km-Lauf absolviert habe, ist für April 2018 der Lauf meines Lebens geplant: die Teilnahme am Etappenlauf Marathon des Sables. In diesem Blog berichte ich über meine Vorbereitung auf diese Mutter aller Wüstenläufe.

  1. Wahnsinn Jens, ich zolle dir echt meinen Respekt! Du bist wirklich zu beneiden, dass du da dabei sein durftest und dieses Tolle Rennen sogar mehr als respektabel gefinisht hast. Mir geht es da wie dir, ich habe richtig viel Lust auf Trails bekommen. Mach weiter so und bleib gesund 😉

  2. Hallo Jens
    Herzlichsten Glückwunsch zum Finish dieses grandiosen, aber auch brutalen Laufes. Wahnsinn, welch tolle Leistung du in den französischen Alpen vollbracht hast. Allergrößten Respekt.
    Ich verneige mich.
    Erhol dich gut und genieße den Erfolg.
    Gruß Stefan

  3. Baunsberg Martin

    Lieber Jens,
    auch ich verneige mich vor dieser Leistung, Gratulation zur Bewältigung dieser Wahnsinns-Strecke! Hätte nicht gedacht, dass Du so schnell zum Trailläufer wirst ;-). Diese beeindruckende Zeit qualifiziert Dich ja für eine Reihe weiterer Herausforderungen…
    Habe Deinen Artikel genossen und gleichzeitig aber mein Vorhaben in gut sieben Wochen noch mal in Frage gestellt. Dir gegenüber habe ich allerdings einen Altersbonus und werde es entsprechend langsamer angehen…
    Gute Erholung und bis bald in den Nordhessischen Hügeln,
    Martin

  4. Auch von mir Jens – allergrößter Respekt für diese Leistung. Dein Artikel war absolut lesenswert und wenn ich an Deiner Stelle gewesen wäre, wär ich nach spätestens 30 km tot umgefallen.
    ok, ich bin nicht trainiert, bin raucher und esse fleisch :-/
    glg Kirsten
    ps ich bin gespannt auf den Wüstenlauf in 2018

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