Kristallmarathon Bergwerk Merkers
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Danke, Merkers!

Laufen 500 Meter unter der Erdoberfläche. Macht man nicht alle Tage. Heute war es bei mir soweit: Ein Marathon in der Teufe, wie die Tiefe unter Bergleuten heißt.

Kristallmarathon lautet der bezaubernde Name der Veranstaltung, die in diesem Jahr zum 11. Mal hunderte Läufer den Weg nach unten antreten lässt. Ausgetragen in einem Bergwerk in Merkers im westthüringischen Wartburgkreis, in dem ehemals Kalisalz abgebaut wurde. Und in dem die Nazis einen erheblichen Teil ihres Raubgoldes versteckten – 1945 entdeckt durch amerikanische Truppen.

Das ist lang vorbei. Heute geht es um die Finisher-Medaillen, die für manche Läufer die Welt bedeuten. Schönes Detail: In Merkers ist das eine sogenannte Fahrmarke. Dabei handelt es sich um eine ausgestanzte oder ausgeschnittene Scheibe, die im Bergbau zur Anwesenheits- und Seilfahrtkontrolle diente.

Ich reise mit Martin aus Kassel an, etwa anderthalb Stunden Fahrt. Es ist nicht der erste Lauf, den wir zusammen machen, wegen Verletzungsproblemen hat er sich heute allerdings für den Halbmarathon entschieden.

Martin (rechts) ich ignorieren die Warnung, nicht einzusteigen.

Wir sind zeitig da und unser Check-in verläuft problemlos. Dann geht das Abenteuer schon los: Helm auf und schon „fahren wir ein“. Helm? Der ist nicht nur Pflicht für die Fahrt hinab in die Teufe, sondern auch für den Lauf durch die Stollen. Die Marathonis werden 13 Runden à 3,25 Kilometer absolvieren, die Halbmarathonis derer sieben.

Wir steigen in den Förderkorb ein. Ich zähle nicht, wie viele wir sind, aber das Grubentaxi ist voll. Platzangst sollte hier niemand haben. In etwa 90 Sekunden führt die Seilfahrt hinunter bis auf die sogenannte 2. Sohle, die quasi einem Stockwerk in einem Bergwerk entspricht.

Weiter geht die Tour durch die Unterwelt. Bevor die Füße beansprucht werden, sind es zunächst allradgetriebene Fahrzeuge, auf denen die laufenden Kumpel Platz nehmen. Jetzt zeigen die Steiger, unsere Aufsichtspersonen unter Tage, was sie können: Mit ordentlich Tempo geben sie uns auf der Fahrt zum Großbunker einen Eindruck davon, was uns auf der Strecke erwarten wird.

Der Großbunker. Klingt martialisch. Gigantisch. Zumindest letzteres ist er: 250 Meter lang, 22 Meter breit und bis zu 17 Meter hoch. Früher diente er der Speicherung von bis 50.000 Tonnen Rohsalz. Heute stellt er ein Monstrum aus: den größten untertägig eingesetzten Schaufelradbagger der Welt. Schöne Dekoration für den Konzertsaal, als der der Bunker heute genutzt wird. Ob er wirklich die Akustik eines gotischen Kirchenschiffes hat, mit der das Bergwerk wirbt, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis.

Klaus Lage tritt in Kürze dort auf. Mit dem Schlagzeuger Stephan Emig aus Kassel, den ich kürzlich interviewen konnte. 1000 und 1 Nacht (Zoom!).

Nacht wird es nur einmal im Bunker: als die Veranstalter zu den Klängen von Evanescences „My Immortal“ eine Lasershow veranstalten, die die Läufer atmosphärisch einstimmt, tolle Sache!

Der 10-Kilometer-Lauf startet, Martin und mir bleibt noch eine Stunde Zeit. Wir machen ein paar Fotos, streifen etwas durch den Bunker, feuern die Läufer an. Dann ist es auch bei uns soweit. Start im Bunker bei etwa 21 Grad. Endlich kurze Klamotten.

Schon nach 50 Metern geht es erstmals bergauf. Also, ich meine: Steil! Bergauf! Kaum führt der Weg hinaus aus dem Bunker nach links in den Stollen, gibt es zwar schon den ersten Verpflegungspunkt – aber eben auch sofort eine deftige Steigung, die es in sich hat. Wie einige weitere, die auf dem 3,25 Kilometer langen Rundkurs noch folgen sollen. 750 Höhenmeter werden es am Ende sein. Ich Flachlandathlet hätte mir den Streckenverlauf vielleicht besser mal vorab ansehen sollen. Und vor allem hätte ich mir wohl die 24-km-Einheit am Vortag verkniffen…

Wettkampffieber unter Tage beim Kristallmarathon

Eigentlich wollte ich Merkers nicht schnell laufen, sondern lediglich als Back-to-back-Einheit nutzen im Training für kommende Ultraläufe. Aber dann packt einen ja doch immer etwas das Wettkampffieber. Mich zumindest. Zwar laufe ich nicht 100 Prozent, aber in einem ambitionierte Tempo, das ich allerdings nicht ganz bis zum Ende durchhalten kann: Ich habe Magenprobleme. Zwischen Runde sieben und acht muss ich daher einen Stopp auf dem Plumpsklo einlegen, der mich etwa drei Minuten und am Ende einen Platz kostet. Danach aber wird es stetig besser.

Trotzdem fordert die Strecke ihren Tribut und geht mächtig auf die Knochen. Es sind nicht nur die Steigungen, die sich mit zunehmender Rundenzahl bald schon wie Rampen anfühlen. Es sind auch die teilweise heftigen Bergabpassagen mit bis zu 15 Prozent Gefälle, die die Beine auf Dauer matschig werden lassen. Die Warnung der Organisatoren, die ersten Runden erst einmal in Ruhe anzugehen, ist in jedem Fall berechtigt und auch mein Ratschlag an alle, die in den nächsten Jahren hier starten wollen. Auf jeden Fall bin ich auch happy, statt eines leichten Laufschuhs den etwas stabileren Altra Lone Peak 3.0 als Laufschuh gewählt zu haben. Danke an Altra und Laufmal Kassel!

Wie fühlt es sich an, unter der Erde in einem Stollen zu laufen? Für mich weniger seltsam als erwartet. Nun bin ich weder klaustrophobisch veranlagt noch habe ich Angst vor der Dunkelheit. Die ohnehin nicht existiert: Die vorgeschriebene Leuchte am Helm braucht man eigentlich nicht – der Boden ist ohne große Schlaglöcher und die Stollen sind gut beleuchtet. Zudem viel größer, breiter, höher, als ich das zuvor erwartet hatte.

Viel mehr gibt es eigentlich kaum zu erzählen: Alle 1,6 km gibt es Verpflegungspunkte mit Getränken (Wasser, Cola, später alkoholfreies Bier), die man unbedingt regelmäßig zu sich nehmen sollte: Die Luftfeuchtigkeit geht gen Null und ruckzuck ist man ohne regelmäßige Flüssigkeitszufuhr dehydriert.

Außerdem gibt es auch Essbares. Gen Ende greife ich hin und wieder zu Apfelstücken, die unfassbar saftig sind und wunderbar schmecken. Kommt mir jedenfalls so vor mit trockenem Mund und wachsendem Hungergefühl.

Eines noch, natürlich: Die Helfer sind allesamt sehr freundlich, vielen Dank an den Triathlonverein Barchfeld für die Ausrichtung dieses besonderen Laufes! Auf der Strecke werden wir Läufer mit Tröten und Ratschen angefeuert, im Bunker von den Zuschauern beklatscht.

In diesem Bunker beende ich auch mein Erlebnis „Marathon-unter-Tage“. Nach 13 Runden, an deren Ende ich froh bin, dass es zu Ende geht. Notiz an mich: Bergtraining ins Programm aufnehmen.

Mit einer Zeit von 3:18:28 Stunden (Pace von 4:42 min/km) werde ich Gesamt-Zehnter von 110 Startern und 3. in meiner Altersklasse (19 Starter). Hier geht’s zu allen Ergebnissen. Viel wichtiger ist aber, dass ich mich ab heute auch Kumpel nennen kann. Mit vielen anderen Läufern.

Glück auf!

Kristallmarathon 2017, Splits Jens Nähler

P.S.: Die schöne Überschrift stammt übrigens nicht von mir, sondern von Martin. Sorry fürs Klauen!

über

(* 1973). Ich lebe seit Ostern 2012 vegan. Seit 2013 laufe ich nun Marathon. Zeit, etwas Neues zu probieren: Nachdem ich 2016 meinen ersten 100-km-Lauf absolviert habe, ist für April 2018 der Lauf meines Lebens geplant: die Teilnahme am Etappenlauf Marathon des Sables. In diesem Blog berichte ich über meine Vorbereitung auf diese Mutter aller Wüstenläufe.

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