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Bei 40 Grad zur Meisterschaft – mein Ultra-Debüt im Burgwald

Knapp 62 Kilometer Luftlinie von Kassel entfernt liegt das kleine Städtchen Rauschenberg im mittelhessischen Landkreis Marburg-Biedenkopf. Mit dem Auto schafft man die Strecke in knapp 50 Minuten. Nachdem ich aus Kassel zum ersten Burgwald-Ultra angereist war, hatte ich noch 54 Kilometer unmotorisiert vor mir – und zwar laufend. Weitaus länger als nur 50 Minuten durch ein schönes Mittelgebirge, das Teil des westhessischen Berglandes ist.


Zum fünften Mal bereits fand der Burgwald-Marathon statt. Während es in der Anfangsphase alle zwei Jahre auf die Strecke ging, wird mittlerweile jährlich zum Start gerufen – in 2016 erstmals auch über eine Ultradistanz von 54 Kilometern inklusive knapp 800 Höhenmeter.

50 Startplätze waren zur Premiere ausgeschrieben. Es war wohl vor allem das Wetter, das dafür sorgte, dass zum einen nicht alle an den Start gingen und zum anderen am Ende nur 27 Läufer das Ziel erreichten: In der wohl heißesten Woche des Jahres starteten die Teilnehmer zunächst noch um 8 Uhr morgens bei angenehmen 23 Grad. Im Verlauf des Rennens aber erreichten die Temperaturen bis zu 40 Grad in der prallen Sonne auf freiem Feld – und das ausgerechnet auf dem letzten Teil der herrlichen Strecke, wenn man den Zieleinlauf zwar bereits im Kopf herbeisehnt, aber noch lange nicht vor Augen hat.

Es war nicht nur die Ultra-Premiere im Burgwald. Es war auch das erste Mal überhaupt, das ich weiter als 45 Kilometer laufen sollte. Mein erster Ultra.

Auf dem Weg zum Taubertal100

Neun Marathon hatte ich bis dato absolviert, allesamt in Kassel, Frankfurt, Hamburg, Berlin und am Twistesee. Nachdem ich 2015 zwei Mal knapp die Sub3 schaffte, reifte der Entschluss, mich in diesem Jahr auf die Ultradistanz zu wagen – fünf Jahre, nachdem ich mit dem Laufsport begonnen hatte.

Der Rennsteig sollte es als Einstieg werden – und als Jahreshöhepunkt dann der Taubertal100 am 1. Oktober. Verletzungs- und im Anschluss auch etwas motivationsbedingt lief die Vorbereitung im 1. Halbjahr allerdings alles andere als optimal und ich überließ meinen Rennsteig-Startplatz kurzfristig einem anderen Läufer.

Mein Training auf Strava
Jens Nähler

Umso ehrgeiziger stieg ich dann wieder ins Training ein: Nach einem Plan von Hubert Beck aus seinem Buch vom Ultra-Marathon bereite ich mich seit Mitte des Jahres gezielt auf Taubertal vor – und war daher umso erfreuter, mit dem Burgwald-Ultra noch einen Lauf in der Region zu finden, den ich in das Training einbinden konnte. Denn ganz ohne jegliche Wettkampferfahrung über diese Langdistanz wollte ich dann doch nicht an den Start gehen.

Dass ich am Ende aber als Sieger mein Debüt feiern würde, hatte ich wiederum auch nicht auf der Rechnung: Um 12:30 Uhr überquerte ich nach 4:30:17 Stunden die Ziellinie. Erschöpft, aber nicht ausgebrannt. Und um weitaus mehr als nur eine Erfahrung reicher.

Ultra für Einsteiger

Ultras sind etwas völlig anderes als Marathonläufe. Das ahnt man natürlich als Novize. Und deswegen spricht man auch gern mit anderen über diese Disziplin, die weitaus mehr Erfahrung haben. Zumindest mir geht das so. Weil so viel mehr schiefgehen kann. Weil man selbst noch unsicher ist.

Ich kenne nur wenige Ultraläufer. Aber einen von ihnen etwas besser: Peter Gnüchtel. Peter ist DUV-Mitglied, schreibt einen klasse Laufblog, hat die tolle Running-Community auf Google+ mitbegründet und nicht zuletzt in den letzten Jahren bei so einigen irren Läufen mitgemacht. Wobei Ultraläufer natürlich wissen, dass es immer andere Ultraläufer gibt, die noch viel verrücktere Sachen machen als man selbst. Was ja auch ein Grund ist, warum man sich immer wieder aufs Neue motivieren kann.

Peter zum Beispiel motiviert mich. Und ich traf ihn am Start in Rauschenberg. Als ich ihn etwas unsicher fragte, wie er es mit Gels auf der Strecke hält, schüttelte er nur den Kopf. Er bereitet sich auf den Maintal-Ultra vor und nutzte den Burgwald-Lauf als Training. Außerdem gebe es alle fünf Kilometer einen Verpflegungspunkt. Ich lasse meinen vollgepackten Gel-Gurt klammheimlich wieder in der Tasche verschwinden.

Wie recht er hatte, erlebte ich in den nächsten Stunden: Je heißer es wurde, desto glücklicher war ich über jedes Gramm weniger, das ich mit mir herumschleppen musste. Und die Verpflegungspunkte ließen kaum etwas zu wünschen übrig. Größtes Highlight waren jedoch nicht Bananen, Salzbrezel oder Isogetränk: es waren mit Wasser gefüllte Bottiche, die auf den letzten 20 Kilometern dazu einluden, einen kühlen Kopf zu bewahren. Nie war es schöner, unterzutauchen.

Eine „Ultrataufe“ mit Blutflecken im Shirt

Beim letzten VP, etwa zwei Kilometer vor dem Ziel, machte mich ein Helfer auf zwei Blutflecken auf meinem Singlet aufmerksam. Ich hatte mir die Brustwarzen wundgescheuert, ohne es bis dato überhaupt zu bemerken. Kopf in den Bottich, weiter ging‘s. Es fühlte sich an wie meine Ultrataufe – noch dazu mit dem Sieg vor Augen.

Erschöpft, aber auch schnell erholt: Mit Peter im Ziel.
Erschöpft, aber auch schnell erholt: Mit Peter im Ziel.

Ich hatte gewusst, dass ich gut im Rennen lag. Ich war es locker angegangen und mit Peter die ersten Kilometer gelaufen, bevor sich unsere Wege trennten. Später traf ich ihn im Ziel wieder als Gesamtvierten und Sieger seiner Altersklasse 45. Den am Ende Zweitplatzierten hatte ich noch auf der Strecke getroffen.

Diesen besonderen Moment läutete einer der Radfahrer ein, die das Rennen begleiteten: „Du bist schon Zweiter, klasse aufgeholt“, sagte er. Motivation pur: Zweiter im ersten Ultra, tolles Resultat!

Von Beginn des Rennens an waren zwei Läufer davon geprescht. Ich hatte nie den geringsten Zweifel gehabt, dass die beiden den Sieg unter sich ausmachen würden. Einen allerdings hatte ich auf der Strecke schon eingesammelt. Wie weit denn der erste voraus sei, wollte ich wissen. Der radelnde Glücksbote streckte den Arm aus und zeigte nach vorn: „Da läuft er schon.“ Zweihundert Meter entfernt.

Es gibt Momente, die man sich immer wieder selbst erzählen könnte, weil sie etwas überraschend Besonderes haben. Dieser war so einer. In diesem Moment hatte ich die Gewissheit, dass ich das Rennen gewinnen würde.

Mich als noch besonders körperlich frisch zu bezeichnen, wäre grandios übertrieben. Aber ich hatte mir das Rennen gut eingeteilt und lief noch bei Kilometer 40 im GA1-Bereich. Erst von da an ging es gnadenlos in die Höhe mit dem Puls – im Gleichschritt übrigens mit der Außentemperatur. Die aber machte ganz offensichtlich Thorsten Vackiner zu schaffen.

Thorsten startet für den SV Blau-Weiß-Dodenhausen. Für ihn wie auch für mich war es die Ultra-Premiere. Und interessanterweise sind wir beide Veganer, wie wir im Smalltalk herausfanden, nachdem ich zu ihm aufschließen konnte. Grund genug, einige Zeit zusammen zu laufen und uns etwas zu unterhalten, bevor er mich nach vorn schickte.

Zwei Sieger von 27, die den Ultra finishten: Thorsten und ich.
Zwei Sieger von 27, die den Ultra finishten: Thorsten und ich.

Lange Zeit hatte er geführt, am Ende forderte die Hitze ihren Tribut: Fast eine Viertelstunde verlor er auf den letzten Kilometern, sicherte sich am Ende trotzdem noch souverän den zweiten Platz. Und ein alkoholfreies Bier, mit dem ich ihn im Ziel erwartete – dazu hatten wir uns noch auf der Strecke verabredet. Beim Marathon in Kassel werden wir uns wiedersehen.

Zunächst aber sah ich endlich das Ziel. Nach 54 Kilometern. 3:59:50 Stunden war auf der offiziellen Uhr zu lesen – die Zeitmessung der Marathonläufer, die eine halbe Stunde nach den Ultras gestartet waren. Ich zog noch einmal etwas an, was mir ein „Klasse, noch unter vier Stunden!“ aus dem Publikum einbrachte. Bis durchgesagt wurde, dass soeben der Sieger des ersten Burgwald-Ultras die Ziellinie überquert hatte. Unglaubliches Gefühl.

Burgwald-Meister.

Und der Wunsch, weiter zu laufen. Länger. In vier Wochen dann. In Rothenburg ob der Tauber…

Die offizielle Zeit liegt bei 4:30 Stunden - meine Uhr stoppt automatisch bei Pausen, die ich mir zum Beispiel an den Verpflegungspunkten gönnte.
Die offizielle Zeit liegt bei 4:30 Stunden – meine Uhr stoppt automatisch bei Pausen, die ich mir zum Beispiel an den Verpflegungspunkten gönnte.

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(* 1973). Ich lebe seit Ostern 2012 vegan, seitdem laufe ich auch. 2013 war der erste Marathon an der Reihe, 2016 der erste 100-km-Lauf, 2017 waren die 100 Meilen dran. Eigentlich sollte es danach in die Wüste zum MdS gehen - aber das musste ich schieben. Ebenso wie den Spartathlon 2019. Aber auch, wenn ich derzeit nicht laufe: Im Herzen bin ich auf der Strecke dabei.

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